Pfingstpredigt 2026
Bayern München hat es nicht geschafft. Das letzte Mal gelang es vor sechs Jahren, der Gewinn des Triples. Ich meine, die nationale Fußball-Meisterschaft, der Pokalgewinn und der Gewinn der Champions-League.
Bayern München ist in der abgelaufenen Bundesliga-Saison deutscher Fußballmeister geworden und, davon gehe ich in dieser Stunde aus, wird auch heute Abend das Pokalendspiel gewinnen. Zwei Siege sind dann eingefahren. Nur der 3. Sieg, den Gewinn der Champions-League, das haben die Bayern nicht geschafft. Sie sind im Halbfinale ausgeschieden. Ein Traum vom größt möglichen Erfolg, der Traum vom Triple-Wunder ist zerplatzt.
Pfingsten sprechen wir oft vom Pfingstwunder, dass sich in Jerusalem ereignet hat. Genau genommen, sind es drei Wunder, ein göttliches Triple. Sozusagen. Diesen Begriff, diesen Gedanken übernehme ich vom Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitsche. Des Wunders erster Teil: Die Fenster öffnen, die Tür aufmachen. Blick nach oben, in den strahlendblauen Himmel. War es die Erinnerung an den Engel, vor ein paar Tagen, als Jesus sich verabschiedet hatte: "Jetzt seid ihr dran. Was starrt ihr wie gebannt in den Himmel. Fürchtet euch nicht!" Es gilt immer noch, was Jesus von Gott erzählt hat – aber: Jetzt seid ihr dran! … erinnert euch – und sagt es allen: "Ihr seid Ihm wichtig!"
„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer,die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“. Apg 2,1ff.
Der zweite Teil des Wunders: Menschen wagen es, trauen sich zu erzählen, was ihnen wichtig ist. Sie haben begriffen: jetzt sind wir dran! Wir können uns nicht länger verstecken hinter Jesus verstecken. Jetzt liegt die Verantwortung bei uns. Was trägt sie? Was predigen die? Auf jeden Fall keine kruden Verschwörungstheorien, sondern sie reden von den großen Taten Gottes! Keine "donnernden Großwunder". Nein. Was hat Jesus uns gezeigt? Wie sich Leben verändert! Wie Menschen eine neue Chance bekommen: Er richtet die gebeutelte Frau wieder auf, die 12 Jahre verkrümmt durchs Leben ging: Sie kann wieder aufrecht gehen. Einen anderen holt er wieder runter auf den Boden, weil er sich vor Scham auf einem Baum versteckt, aber unbedingt diesen Jesus sehen und gesehen werden will. Andere holt er aus den Ghettos heraus, in die sie abgedrängt wurden, weil die Angst vor Ansteckung sie dahinein verbannt hat, oder auch, weil sie sich selbst ins Abseits manövriert haben. Er holt sie zurück in die Gesellschaft, integriert sie wieder: ins Leben. Er sagt: Du bist wichtig. In den Augen Gottes bist du wertvoll! Du. Mit einem eigenen Namen, unverwechselbar. Aufgezeichnet im Buch des Lebens. Eingezeichnet in die Hand Gottes – wie in einen Spickzettel für den jüngsten Tag.
„In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken. Apg 2,5-13
Des Wunders dritter Teil: Sie werden verstanden – über Sprachgrenzen, über Kulturunterschiede hinweg. Alle verstehen sie: die Gottes Sprache. Für mich ist das ein Plädoyer für eine Gesellschaftsordnung, in der alle eine Chance haben, in Würde zu leben. "Gerechtigkeit" ist im biblischen kein Fachausdruck aus der Gerichtssprache, das meint sehr konkret: Gemeinschaftsfähigkeit. Und schließlich "Frieden" – "Schalom", nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern Ungleichgewichte so austarieren, dass alles im Gleichgewicht ist. Wenn das gelingt, dann "küssen sich Gerechtigkeit und Frieden". Klar, man kann sich so eine Vision prima vom Leib halten mit Spott, wie die Pfingsterzählung zeigt: "Die sind ja besoffen vor lauter visionärer Bilder!" Andere aber hat es gepackt: Was wäre, wenn das doch möglich wäre? Das ist jetzt keine weltfremde heile-Welt-Predigt in einer Zeit der großen Krisen weltweit. Wenn der Pfingstmontag zu Ende gefeiert ist, wird nicht alles ganz anders und rosa-himmelblau werden. Christlicher Glaube bedeutet auch nicht: es gibt keine bösen Zeiten mehr. Sondern, was ich glauben kann, was ich wissen darf und erfahren, das ist etwas anderes: Ich bin nicht allein! Gott zieht sich nicht zurück. Auch jetzt nicht. Gott zieht sich nicht zurück! Ziehen wir uns auch nicht zurück – von ihm nicht und nicht voneinander. Die Sorge ist dann nicht einfach verschwunden: Wie kann das weitergehen? Hab ich die Kraft, weiterzumachen, wieder einzusteigen, neu anzufangen? Meine Familie, mein Beruf, meine Pläne, mein Geschäft, meine Rente, die viel zu knapp ist… Die Sorgen werden nicht einfach verschwinden, aber sie können ihre Macht verlieren durch diese Erfahrung: Wir sind nicht allein. Wir sind viele, wir sehen uns und wir achten aufeinander.
Pfingsten: Das Fest, an dem uns klar werden kann, dass wir stark genug sind, in die Verantwortung zu gehen. Das kann aufatmen lassen, Weite zulassen, neue Wege finden und öffnen, für mich persönlich – und als Gesellschaft. Jetzt sind wir dran – und das ist keine Drohung, sondern eine Verheißung. Verheißungsvoll ging es los: "Ich lasse Euch nicht allein!" Gottes Versprechen in den Worten Jesu vor seiner Himmelfahrt. Und dann folgte das Triple-Wunder von Pfingsten: Mut finden zum Aufmachen, sich öffnen, nach draußen gehen, buchstäblich und im übertragenen Sinn. Dann: Sich auch da nicht verstecken, sondern trauen, zu sagen, worauf ich vertraue. Und, des Wunders dritter Teil: Ich werde verstanden. Sehnsucht ist das Dolmetscherprogramm der Sprache Gottes, sagt Stefan Ark Nitsche. Pfingsten: das Fest des selbst in die Verantwortung gehen, des Erwachsenwerden – in der Kirche, in der Gesellschaft, auf den Weg gebracht durch das große Versprechen: Es steht im Buch des Propheten Jesaja:
"Ich habe dich herausgelöst aus deinen Verstrickungen, aus allem, was dich klein machen will. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir. Weil ich dich liebhabe und weil du wertvoll bist in meinen Augen." Jes 43,1.4.5
Der Text orientiert sich an einer Predigt des Nürnberger Regionalbischofs Stefan Ark Nitsche


